Die Handelsbranche steht aktuell wieder einmal vor großen Umwälzungen. Wegbereiter dafür sind vor allem der boomende Onlinehandel sowie das veränderte Konsumverhalten der „neuen Kunden“. Die Folgen sind heute vielerorts spürbar: Sinkende Kundenfrequenzen, Ladenschließungen und verstärkt auftretende Leerstände in vielen Städten und Kommunen des Landes. Damit stellt der Strukturwandel der Handelsbranche nicht nur den Handel selbst, sondern auch die Kommunen vor große Herausforderungen. Denn die fehlende Laufkundschaft hat auch negative Auswirkungen auf andere Branchen wie beispielsweise die Gastronomie oder den Dienstleistungssektor. Durch geringere Gewerbesteuereinnahmen und einen Attraktivitätsverlust der Innenstadt droht eine Abwärtsspirale, welche – sofern sie erstmal im Gange ist – nur schwer aufzuhalten oder gar umzukehren ist.

Städte müssen handeln

Vor diesem Hintergrund sind Städte und Kommunen heute gut beraten, sich auf den, durch Digitalisierung und Globalisierung bedingten Wandel, frühzeitig einzustellen und Werkzeuge zu entwickeln, welche die Attraktivität der (Innen-)Städte stärken. Ein solches Werkzeug ist die nationale Handelsdatenbank „Cadastre du commerce“ – ein Schlüsselprojekt der Initiative Pakt PRO Commerce. Doch worum handelt es sich dabei genau? Welchen Mehrwert liefert das Cadastre du commerce und welche konkreten Anwendungsmöglichkeiten ergeben sich daraus?

Ausgangssituation

Um proaktiv handeln zu können, werden solide Basisdaten benötigt, die Aufschluss über die Situation des örtlichen Einzelhandels geben. Vielen Kommunen im Land mangelt es häufig an grundlegenden Kenntnissen über ihre eigene Handelslandschaft: D.h., sie wissen oft nicht, wie sich die örtliche Geschäftswelt verändert, wie hoch der Filialanteil an den Geschäften ist oder wie sich die Leerstandssituation an den unterschiedlichen Standorten entwickelt – allesamt Indikatoren, die Aufschluss über die Attraktivität eines Handelsstandortes geben. Weder auf nationaler noch auf kommunaler Ebene gibt es hierzu valide Basisdaten. Daten sind jedoch essenziell um die Entwicklungen des Marktes zu verstehen und daraus die richtigen Handlungserfordernisse abzuleiten.

Inhalt

Das neue Cadastre du commerce schließt diese Datenlücke und liefert detaillierte Informationen über die Einzelhandelsgeschäfte, wie bspw. deren geführtes Kernsortiment; Adresse; Verkaufsfläche; Geschäftsmodell (inhabergeführt, filialisiert); Vertriebsform (On-/Offline); etc. Auf Basis jener Daten ergeben sich unzählige Analysemöglichkeiten, die in ihrer Gesamtheit ein umfassendes Bild über die Handels- und Standortstrukturen im Lande liefern. Damit liefert das Cadastre du commerce datenbasierte Entscheidungshilfen auf unterschiedlichen Ebenen.

Mit der Marktanalyse/Marktbeobachtung einerseits sowie der Standort- und Einzelhandelsförderung andererseits werden zwei übergeordnete Ziele verfolgt:

Marktanalyse/Marktbeobachtung (1)

Eine genaue Beobachtung der Handelsstruktur lässt sich mit Hilfe unterschiedlicher Methoden realisieren. Neben quantitativen Auswertungen, wie bspw. dem Ermitteln des Anteils der innerstädtischen Verkaufsfläche an der gesamtstädtischen Verkaufsfläche, bieten auch karthographische Darstellungen und Visualisierungen einen hohen Erkenntnisgewinn. Für letztere kommen Geographische Informationssystemen (GIS) zum Einsatz, welche bei der Analyse räumlicher Fragestellungen in den unterschiedlichsten Bereichen angewandt werden.

Die Marktanalyse soll weit über eine reine Beschreibung des Status quo hinaus gehen. Um Aufschluss über Trends und Entwicklungstendenzen innerhalb der Handelsbranche zu bekommen sind regelmäßige Datenauswertungen erforderlich. Die komplexen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Handelsflächen in der Stadt können beispielsweise nur im Rahmen einer zeitlich längerfristig angelegten Untersuchung greifbar gemacht werden. Zudem können zukünftige Entwicklungen verlässlicher antizipiert werden, wenn entsprechende Kenntnisse über die Handelsstrukturen aus der Vergangenheit vorliegen.

Standort- und Einzelhandelsförderung (2)

Die Marktanalyse und Marktbeobachtung stellt eine wichtige Grundlage für das zweite übergeordnete Ziel des Cadastre-Projekts dar: Die Standort- und Einzelhandelsförderung. Mit Hilfe der Informationen zur Handelslandschaft bzw. zu den ortsspezifischen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Kommunen soll ein engerer Kontakt zu den Städten hergestellt werden. Diese sollen bei strategischen Entscheidungen oder bei der Umsetzung von Projekten insbesondere im Bereich der Stadt- und Einzelhandelsentwicklung aktiv unterstützt werden. Das quantiative und karthographische Datenmaterial aus der Marktforschung liefert in diesem Zusammenhang die notwendigen Standortinformationen.

Zudem sollen Städte und Kommunen auf Zukunftsthemen aufmerksam gemacht und die verantwortlichen Akteure auf die Herausforderungen im digitalen Zeitalter sensibilisiert werden. Zu den genannten Zukunftsthemen gehören beispielsweise die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Flächenbedarf in den Städten, die neuen Anforderungen der digitalen Konsumenten an den Einzelhandel oder der Umgang mit Leerständen. Um Entscheidungen für eine zukunftsfähige Stadt- und Einzelhandelsentwicklung treffen zu können, ist ein umfangreiches Know-How in jenen Themenbereichen notwendig.