Das Thema „Ladenöffnungszeiten“ ist in der öffentlichen Diskussion ein Dauerbrenner, und das nicht nur in Luxemburg. Hierzulande liegt der Fokus dabei meist auf der Frage der Sonntagsöffnungen. Eines ist schon jetzt klar: der verkaufsoffene Sonntag allein wird weder die wirtschaftliche Zukunft der Einzelhändler sichern, noch über Glück und Unglück der Arbeitnehmer entscheiden. Die Diskussion muss daher breiter und kontextbezogen geführt werden.

Öffnungszeiten haben direkte und indirekte Konsequenzen auf andere Bereiche. So darf die Festlegung von Öffnungszeiten nicht nur als ein rein ‚technischer‘ Prozess in einem legalen Rahmen verstanden werden, sondern beispielsweise auch als ein Marketing- und Kommunikationsinhalt. Ein Geschäft zu öffnen bedeutet, den Kunden ein Versprechen zu geben und verlässliche Erreichbarkeit zu garantieren. Gemeinsam festgelegte und eingehaltene Öffnungszeiten steigern Kundenvertrauen und fördern die Standortattraktivität allgemein.

Konsequente Bedürfnisorientierung braucht flexible Öffnungszeiten

Die Orientierung an den Bedürfnissen der Kunden ist heute im stationären Einzelhandel wichtiger denn je. Kunden treten als emanzipierte Individuen auf, die vor allem eines wollen: Freiheit! Sie lassen sich weder von alteingesessenen Institutionen (Politik, Kirche…) vorschreiben, wie sie zu leben haben, noch vom einzelnen Händler, der bei der Gestaltung seiner Öffnungszeiten unter Umständen erst an sich denkt und dann an die Kundschaft. Im digitalen Zeitalter ziehen Kunden direkt ihre Konsequenzen aus unpassenden Öffnungszeiten: statt dem Ladenlokal wenden sie sich virtuellen Shoppingmöglichkeiten zu.

Dort suchen die Verbraucher nach größerer Auswahl, direkten Vergleichsmöglichkeiten, schnellerer Verfügbarkeit und direktem Austausch mit Bezugspersonen wie Familie und Freunden. Wenn in der Konsum-Formel Preis x Verfügbarkeit x soziale Interaktion nur eine einzige Variable ‚0‘ ist (sprich der Preis subjektiv zu hoch, das Produkt nicht verfügbar oder das Feedback von Freunden negativ), kommt es in der Regel nicht zum Kauf. Die Öffnungszeiten beeinflussen konkret die Verfügbarkeit und sind damit in konkreten Fällen kaufentscheidend! Eine Flexibilisierung der Öffnungszeiten ermöglicht den Händlern, sich besser an die Kundenbedürfnisse anzupassen und so ihren Service am Kunden zu verbessern.

Positive Signalwirkung für den Standort

Das zahlt sich weit über das einzelne Geschäft hinaus aus, denn Öffnungszeitenpolitik ist Standortpolitik. Aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive ist zu erwarten, dass ein geringerer Grad an Reglementierung der Öffnungszeiten zu einer neuen Dynamik führt und Luxemburg als Investitionsstandort attraktiver macht. Insbesondere in der Konkurrenz zu den Ländern der Großregion kann Luxemburg im Zuge einer Flexibilisierung punkten. Das setzt aber voraus, dass Händler die bestehenden und neuen Freiheiten sowohl individuell als auch gemeinschaftlich nutzen. Einkaufscenter haben aufgrund ihrer Managementstruktur Vorteile in der einheitlichen Festlegung von Öffnungszeiten, Innenstädte müssen hier oft noch wirksame Strategien entwickeln.

Erst dank einer Flexibilisierung und weitergehend auch Harmonisierung der Öffnungszeiten kann das Erlebnis ‚Shopping‘ neue Dimensionen annehmen. In diesem Kontext spielt der Sonntag eine besondere Rolle, weil Kunden den Eventcharakter einer Sonntagsöffnung schätzen. Abseits der Prinzipienfrage „Offener Sonntag oder nicht“, muss der Verkaufsoffene Sonntag also als Marketinginstrument diskutiert werden. Dazu gehören auch eine bessere Abstimmung von Handel und Gastronomie sowie die Anpassung des Angebots im Öffentlichen Personennahverkehr. Letzteres betrifft auch das Angebot zu Tagesrandzeiten unter der Woche.

Verbesserte Arbeitsbedingungen statt sozialen Kahlschlags

Besserer Kundenservice und positive Standortentwicklung funktionieren nicht ohne engagierte Mitarbeiter. Daher ist klar, dass eine Liberalisierung der Öffnungszeiten nicht automatisch sozialen Kahlschlag nach sich ziehen wird. Derzeitige Gesetze müssen aber so angepasst werden, dass erweiterte Zeiten überhaupt erst wirtschaftlich sein können. Beispiel Sonntagsarbeit: Die luxemburgische Gesetzgebung erlaubt Arbeitnehmern sechs Mal pro Jahr an Sonntagen für acht Stunden zu arbeiten. Ab dem siebten Sonntag dürfen es nur noch maximal vier Arbeitsstunden sein. Daraus ergeben sich Nachteile für alle Beteiligten: für Arbeitnehmer sinkt die Stundenrentabilität, da der Aufwand für An- und Abreise bei vier Arbeitsstunden im Verhältnis zu acht Arbeitsstunden stärker ins Gewicht fällt; für Händler, da sie einen kompletten Tag nur mit zwei Teams managen können; und schließlich für Verbraucher, da die Konsequenz des vorangehenden Nachteils oft zur Folge hat, dass Händler sich dazu entschließen, ihre Geschäfte lediglich vier Stunden zu öffnen.

Da die Öffnungszeiten nicht automatisch gleichbedeutend sind mit den Arbeitszeiten eines einzelnen Beschäftigten, können neue Geschäftszeiten den Mitarbeitern verbesserte Möglichkeiten einer individuellen Arbeitszeitgestaltung bieten. Konkret bedeutet das, dass längere Öffnungszeiten über ein Rotationssystem in der Mitarbeiterschaft abgedeckt werden. Statt Mehrbelastung des Einzelnen ergibt sich prinzipiell ein Plus an Flexibilität der Arbeitszeitgestaltung aller Mitarbeiter. In diesem Kontext muss beispielsweise aber geprüft werden, ob die Möglichkeiten bzw. Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen ausreichen, um Angestellten im Handel die nötige Flexibilität bei Tagesrandzeiten zu bieten.

Wünschenswert wäre, dass das Thema Öffnungszeiten in Zukunft faktenorientiert diskutiert wird, und im Bewusstsein, dass angesichts der Umbrüche in Verbraucherverhalten und Handel akuter Handlungsbedarf besteht.