Wenn man einen Menschen nicht kennt, werden in der Regel drei Fragen gestellt: Wie heißt du, was machst du und woher kommst du? Der Ort, in dem man lebt, spielt eine große Rolle für die Strukturierung unserer Welt und damit auch die Beziehung, die wir zu diesem Ort haben. „Stadtidentität“ war Thema der dritten Erfa-Tagung Anfang Juli in Echternach.

Das Kultur- und Kongresszentrum TRIFOLION bot den passenden Rahmen, da es nicht nur das Image von Echternach prägt, sondern – so zeigen zumindest die Untersuchungen der Stadt – inzwischen fester Bestandteil der städtischen Identität ist. Luxemburgs älteste Stadt gehört zu den Pionieren in Sachen Identitätsarbeit. So startete man von offizieller Seite vor einigen Jahren einen Prozess um herauszufinden, welche Elemente Echternachs Stadtidentität ausmachen. Auch andere Städte und Gemeinden haben erkannt, wie wichtig der Aspekt der Stadtidentität für die Entwicklung des Standortes ist. Das Interesse an der Juli-Veranstaltung war mit Teilnehmern aus elf luxemburgischen Städten und Gemeinden dementsprechend groß.

Stadtidentität als Faktor der Standortförderung

Unsere Zeit ist geprägt von Individualisierung und der Suche der Menschen nach Authentizität. Dort, wo Menschen sich gerne aufhalten und wo eines Tages aus “irgendeiner” Stadt “ihre” Stadt wird, entwickelt sich Stadtidentität schnell zum Faktor der Standortförderung. Diesen gilt es zu entwickeln und im Rahmen des Stadtmarketings richtig zu nutzen. Dass es dabei nicht in erster Linie um Logos und Slogans geht, machte Dr. Sebastian Zenker, Professor für Stadtmarketing an der Copenhagen Business School (Dänemark), in seinem Vortrag zur Stadt als Marke deutlich.

Oft reduziere man einen Markenbildungsprozess darauf, visuelle Elemente zu schaffen, dabei sei Markenbildung viel Identitätsarbeit, so Zenker. „Städte und Regionen sind wichtig für die Identität der Menschen.“ Identität und Image sind zwei Seiten derselben Medaille. Das Image ist das Bild, welches man sich von außen macht, während die Identität das interne Bild beeinflusst. Es ist das harmonische Zusammenspiel von Image und Identität, das letztlich auch Kommunikation und Marketing eines Ortes erfolgreich macht.

Städte sind komplexe Gebilde mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen. Einzelhändler gehören ebenso wie andere Wirtschaftsakteure dazu, aber auch Bewohner, Touristen und einige andere. „Im Rahmen des Stadtmarketings geht es darum, die Komplexität handhabbar zu machen“, so Sebastian Zenker. Man müsse die Interessen der verschiedenen städtischen Akteure genauso im Blick haben wie die Themen, die eine Stadt beschäftigen. „Aber vermeiden Sie bitte, als einzigen gemeinsamen Nenner Ihre ‚Vielfalt‘ in der Stadt zu thematisieren“, warnt der Stadtmarketingexperte vor der Verwendung wenig differenzierender Themen. Kleine Städte hätten es oft einfacher, weil das Markenwissen noch nicht so tief in den Köpfen verankert sei. Es gebe sogenannte Blankspots, also Freiräume für Identitäts- und Imagearbeit. Hieraus lassen sich besondere Chancen für luxemburgische Städte und Kommunen ableiten.

Bürgerbeteiligung als Schlüsselelement

Beim Finden der richtigen Themen sei es unerlässlich, die Bürger zu fragen. “Die stärksten Kommunikatoren einer Stadt sind vor allem ihre Stakeholder. Um diese stärker einzubinden und deren Kommunikation im Sinne der Markenidentität zu fördern, braucht es partizipative Strukturen und ein klares kommunikatives Ziel“, so Zenkers Statement. Wie soll sich die Stadt in Zukunft entwickeln? Welche Rolle spielen Handel, Wirtschaft, Gastronomie, Kultur, Wohnen und Freizeit?

Bei der Identifikation der zukunftsträchtigen Ziele und entsprechender Projekte ist Bürgerbeteiligung ein zentrales Element. Bill Cortvriend von CitizenLab, einem Brüsseler Start-up für digitale Bürgerbeteiligungsprozesse, präsentierte den Teilnehmern der Erfa-Tagung seine Erfahrungen in verschiedenen Städten, insbesondere in Belgien. „Partizipation ist ein Schlüsselelement des städtischen Zusammenlebens, insbesondere wenn es darum geht, die Stadt mit Blick auf die Bedürfnisse der Bewohner zu gestalten“, so Cortvriend.

Diskussionen über die Zukunft der (Innen-)Städte kreisen aktuell um das sich schnell ändernde Anspruchs- und Konsumverhalten der Menschen. Auch wenn Städte wohl nie so reaktiv werden können, wie es das Tempo des derzeitigen Wandels unserer Welt erfordern würde, so ist es doch ein Gebot der Stunde, Ressourcen anzuzapfen, die Fortschritte garantieren können. Die eigenen Bürger sind eine solche „Ressource“.

Mehr Engagement durch Transparenz und Attraktivität

Bürgerbeteiligung ist prinzipiell nichts Neues und wird in verschiedenen luxemburgischen Kommunen auch regelmäßig praktiziert – meist aber klassisch offline und verbunden mit hohem Aufwand. Yves Wengler, Bürgermeister von Echternach und Präsident des Kommunalverbandes SIGI, verwies auf die digitale Plattform „MaCommune“, die SIGI geschaffen habe, die allerdings leider nur selten genutzt werde.

Die Herausforderung unseres „smarten“ Zeitalters besteht, so zeigte Bill Cortvriend anhand des Projektes CitizenLab, vor allem darin, mittels einer unkomplizierten und attraktiven Technologie Bürger zu motivieren, sich an der Stadtentwicklung zu beteiligen. Es gehe darum, mehr Transparenz zu schaffen, also beispielsweise online zu zeigen wie Projekte voranschreiten, aber auch für mehr Spaß bei der Beteiligung zu sorgen. „Es spricht nichts dagegen, hier auch kleine Wettbewerbe auszuloben“, so Cortvriend.

Echternachs Identitätsprojekte

Echternach hat in den vergangenen Monaten viel Engagement in Identitätsprojekte gesteckt. Im Gespräch mit Sebastian Reddeker (clc) erläuterte Yves Wengler einige der Aktivitäten. Dazu gehört unter anderem ein neuer Onlineauftritt des Stadtmarketings (stadmarketing.lu), welcher bewusst auf die Authentizität der Information achtet. Es gehe darum, individuelle Besonderheiten der Stadt sichtbar zu machen, so Wengler – übrigens sprichwörtlich geschehen im Rahmen der Illumination stadtbildprägender Gebäude. Mit Blick auf die Stadtidentität sei es außerdem wichtig, die Stadt als Begegnungsraum attraktiver zu machen. Hier organisiert Echternach regelmäßig ein Fest auf der Grenzbrücke zu Deutschland. Auch die Willkommensinitiative für Neubürger hilft, dass Menschen in der Sauer-Stadt Fuß fassen können.

Die Möglichkeit Echternach zu erfahren, bekamen auch die Teilnehmer der Erfa-Tagung: zunächst ging es mit dem neuen elektrischen Citybus vom Stadtzentrum zum kürzlich eingeweihten Nonnemillen-Shoppingcenter und später zu Fuß zum aktuellen Identitätsprojekt der Stadt, der Petite Marquise. Nach 21 Jahren Dornröschenschlaf, viel Aufregung und zahlreichen Diskussionen hat die Stadt Echternach das Gebäude gekauft. Wenn es eines Tages neu aufgebaut ist, wird es mit Sicherheit sowohl Image als auch Identität der Stadt positiv prägen.