Häuser mit Ladenlokalen im Erdgeschoss, große Schaufenster, Waren, Dekoration, Menschen, die in den Geschäften ein- und ausgehen. Für die meisten Menschen ist dies das traditionelle Bild einer Innenstadt. In der heutigen Zeit, die von bedeutenden Umbrüchen geprägt ist, kann man davon aber nicht selbstverständlich ausgehen, sondern muss mit einiger Innovationskraft und Entschlossenheit für die lebendige Stadt von morgen eintreten – da waren sich alle Teilnehmer der Auftaktveranstaltung der Erfahrungsaustauschgruppe „Stadtmarketing im Großherzogtum Luxemburg / Le marketing urbain au Grand-Duché de Luxembourg“ Anfang Dezember in der Chambre de Commerce einig.

Vertreter von zwölf Städten und Gemeinden des Großherzogtums waren gekommen. Einige sind schon längere Zeit im Stadtmarketing aktiv, andere suchen noch nach den passenden ‚Rezepten‘, um auf den Strukturwandel adäquat reagieren zu können. Dass dies dringlicher ist denn je, betonte Fernand Ernster, Präsident der clc und Vize-Präsident der Chambre de Commerce: „Wo sich der Einzelhandel zurückzieht, verschwinden nicht nur örtliche Einkaufsmöglichkeiten, sondern auch das Leben auf der Straße“, so Ernster. Da habe man es dann mit einem Strukturproblem von gesamtstädtischer Relevanz zu tun.

Initiative Pakt PRO Commerce bietet passenden Rahmen

Der clc-Präsident äußerte sich zuversichtlich, dass die Initiative Pakt PRO Commerce und speziell auch die Erfa-Gruppe die Chance biete, über neue Arten der Zusammenarbeit und des Austausches zu einer neuen Form der Urbanität zu gelangen. Aus Sicht von clc und Chambre de Commerce biete Luxemburg als Standort und Lebensraum viel Potential. Durch das Schaffen entsprechender Rahmenbedingungen werde man auch junge Unternehmer begeistern können, ihren Beitrag zur Erneuerung des Angebotes unserer Städte zu leisten.

Francine Closener, Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, schlug in ihrer Ansprache die Brücke von den vier Achsen des Pakt PRO Commerce – Analyse, Digitalisierung, Service und Promotion – zur fünften Achse Stadtentwicklung. Die Themen aller Achsen seien für die Städte und deren Einzelhandel heute relevant und könnten in Summe verschiedene Lösungsansätze bieten, die man Kommunen-übergreifend entwickeln könne, so z.B. die geplante Digimaart-Plattform, das Cadastre du Commerce oder die Erfa-Gruppe. Wer in schnelllebigen Zeiten bzw. in Zeiten großer Umbrüche nicht über den Tellerrand schaue, laufe Gefahr den Anschluss zu verpassen, so Francine Closener. „Sich über die Herausforderungen unserer Zeit auszutauschen und die gemachten Erfahrungen mit Gleichgesinnten zu teilen, kann wesentlich zu einer neuen Dynamik in der Entwicklung unserer Orte aber auch Luxemburgs insgesamt beitragen“, ist die Staatssekretärin zuversichtlich.

Einblicke in 20 Jahre Stadtmarketingerfahrung

Zuversichtlich stimmte auch der Vortrag des Gastredners Klaus Stieringer, Geschäftsführer von Stadtmarketing Bamberg, Citymanager und deutscher Kulturmanager des Jahres 2012. Wer auf 20 Jahre Erfahrung im Stadtmarketing zurückschauen kann, der hat viel zu erzählen: von erfolgreichen Veranstaltung, zähen Diskussionen, harter Konkurrenz, dem Glauben an Stadt und Region und dem immer wieder zu vollbringenden Kunststück, Menschen für gemeinsame Ideen zu begeistern.

„Stadtmarketing dauert“, betonte Klaus Stieringer, und berichtete von „klassischen Bedenken“ gegen die Ideen und Initiativen des Bamberger Stadtmarketings. Letztlich hätten sich etliche Projekte aber dank der Mitarbeit vieler Gremien und Personen sowie der Mithilfe von Sponsoren verwirklichen lassen. Ein großer Erfolg ist beispielsweise das Literaturfestival, das sich nicht nur auf Bamberg selbst beschränkt, sondern auch die umliegenden Ortschaften mit einbezieht. „Gute Aktionen müssen nicht immer ausschließlich in der größten Stadt der Region stattfinden. Auch andere können davon profitieren“, so der Experte. Ein Ansatz, der sicher auch für Luxemburg Mut für neue Kooperationen machen kann.

Kommunikationsinhalte an erster Stelle

„Veranstaltungen sind für uns als Stadt eine wichtige Form der Offline-Kommunikation“, so Stieringer, der überzeugt ist, dass heutzutage die Kommunikationsinhalte an erster Stelle stehen. Die Schaffung attraktiver Formate und zielgruppenrelevantem Content kann nicht nur Menschen in die Stadt locken, sondern auch Sponsoren für die Veranstaltungen gewinnen. „Das Blues&Jazz-Festival können wir beispielsweise dank großzügigem Sponsoring einer lokalen Brauerei ohne kommunale Beteiligung und für die Besucher gratis anbieten“, erläutert Klaus Stieringer.

Die Politik schaffe dabei insbesondere die Rahmenbedingungen für ein funktionierendes Stadtmarketing und sorge falls nötig für Motivationsschübe. „Wir treten ein für die Vitalität und Lebenskraft der Stadt und der ganzen Region“, so der Experte. Die Rahmenbedingungen müssen dazu permanent der aktuellen Entwicklungen angepasst werden. „Die Digitalisierung war beispielsweise für Stadt und Handel plötzlich einfach da.“ Als eine Maßnahme ruft man in Bamberg „BaLoca“ ins Leben, eine Plattform zur Onlinevermarktung von Produkten, die im März 2017 online gehen soll. Zur lokalen Kaufkraftbindung dient u.a. aber auch eine regionale Währung, die über eine Kooperation mit lokalen Finanzinstituten vertrieben wird.

„Sie müssen viele Dinge einfach machen.“

Klaus Stieringer zeigte anhand vieler weiterer Praxisbeispiele auf, mit welchen Ansätzen Bamberg es in der vergangenen Zeit geschafft hat, sich als attraktive und lebenswerte Stadt zu positionieren – wovon letztlich alle städtischen Akteure profitieren. So findet auch die Herausforderung des demographischen Wandels ihren Widerhall im Stadtmarketing: „In der Stadtpositionierung befinden wir uns mit anderen Kommunen im Wettlauf um junge Familien. Die AOK-Familientage, die wir in Kooperation mit eben jener Versicherungsgesellschaft veranstalten, machen den demographischen Wandel zum Thema. Da geht es mal nicht primär um die Kaufkraftbindung.“ Grundsätzlich müsse man als Stadt immer den Spagat managen, „interessant“ für die ältere Generation zu sein und gleichzeitig „sexy“ für die Jüngeren.

In der anschließenden Diskussion mit den Gemeindevertretern, moderiert von Dr. Wolfgang Haensch (cima Köln), ging es unter anderem um die Themen Leerstand, Händlermotivation und Bürgerbeteiligung. Das schlimmste sei der leere Stand, so Stieringer, der dafür plädiert, leerstehende Flächen in jedem Fall zu beleben. Das müsse nicht zwingend über den Einzelhandel geschehen, sondern könne – wie das Beispiel aus Hannover-Laatzen zeige, auch mit Hilfe einer Kunstausstellung geschehen, die sich über mehrere Leerstände ziehe. Um leere Flächen managen zu können, sei in jedem Fall aber eine entsprechend aktuelle Datenbank wichtig.

Weitere Erfa-Treffen stehen fest.

Bei der Auftaktveranstaltung soll es nicht bleiben, daher sind im kommenden Jahr mindestens drei Erfa-Treffen geplant. Gastgeber ist jeweils eine andere Stadt. Das nächste Treffen findet am 29. März 2017 in Ettelbrück statt, das zweite am 4. Juli in Echternach. Das dritte Treffen ist für die Kalenderwoche 48 angedacht. Auf dem Programm der Nachmittagsveranstaltungen stehen ein Fachvortrag zu einem noch festzulegenden Schwerpunktthema, Diskussion, Status-Update aus den Gemeinden, Ortsbegehung mit bestimmtem Fokus und nicht zuletzt Networking. Ebenfalls geplant ist der Aufbau einer (Experten)Kommunikation rund um Stadtmarketing- und Stadtentwicklungsthemen sowie der Ausbau der individuellen Zusammenarbeit auf lokaler Ebene (Beratung, Unterstützung, Workshops).