Es war ein Kino-Nachmittag der besonderen Art: zur vierten Tagung der Erfahrungsaustauschgruppe „Stadtmarketing im Großherzogtum Luxemburg“ trafen sich Vertreter von 13 luxemburgischen Städten und Gemeinden, der clc und des Wirtschaftsministeriums im Cinémaacher in Grevenmacher. Die Kinosessel waren zwar äußerst komfortabel, die spannenden Vorträge zum Zukunftsthema „Die digitale Stadt“ sollten aber doch den einen oder anderen der 45 Teilnehmer bewegen, traditionelle Komfortzonen in der Stadtentwicklung zu verlassen.

Zu Gast auf der vierten Erfa-Tagung (v.l.): Dr. Sebastian Reddeker (Bereichsleiter Städte & Handel, clc), Nicolas Henckes (clc-Direktor), Francince Closener (Staatssekretärin für Wirtschaft), Léon Gloden (Bürgermeister Grevenmacher) und Claude Bizjak (clc-Direktionsmitglied).

Eines zeigte der Nachmittag deutlich: es geht um mehr als um Technik. Überall dort, wo die digitale Beziehung von Stadt und Handel wenig ausgeprägt ist oder sich kompliziert gestaltet, liegt es selten an der Technik, sondern vielmehr am fehlenden Veränderungswillen bzw. an der eingeschränkten Offenheit für Innovationen. Francine Closener, Staatssekretärin für Wirtschaft, unterstrich daher auch die Bedeutung beider Komponenten in der Mission des tags zuvor gegründeten GIE „Luxembourg for Shopping“: Der nationale Onlinemarktplatz „Letzshop.lu“, an dessen Aufbau gerade gearbeitet werde, biete nicht nur eine vorteilhafte digitale Lösung für den Einzelhändler, sondern bemühe sich auch um deren intensive Betreuung. „In diesem Sinne bin ich froh, dass viele der hier anwesenden Städte und Gemeinden von Beginn an diese Arbeit unterstützen“, so Francine Closener.

Lokalen Handel sichtbar machen

Ein Hauptziel des Onlinemarktplatzes ist die Bindung der lokalen Kaufkraft durch das Sichtbarmachen des Angebotes vor Ort. Für Städte und Gemeinden sei es aber besonders wichtig, ein ‚digitales Dachmarketing‘ zu etablieren, das neben der Komponente Einzelhandel auch andere Lebensbereiche der Menschen mit einbeziehe, so Andreas Haderlein, Wirtschaftspublizist und Innovationsberater aus Frankfurt am Main (D). „Das Internet ist immer die 1A-Lage für den städtischen Handel. Städte müssen sich dessen bewusst sein und die digitale ‚Lage‘ entsprechend gestalten“, erklärt Haderlein in seinem Vortrag „Im Netz säen, lokal ernten. Ein ‚digitaler Mantel‘ für den stationären Einzelhandel von morgen“. Allein die Sichtbarkeit des Handels über entsprechende Portale ermögliche die sogenannten ‚RoPo-Effekte‘ (research online, purchase offline), so der Experte weiter.

Der Innovationsberater Andreas Haderlein plädierte für die Optimierung der ‘digitalen Lage’ in Städten und Gemeinden.

Ganz praktisch beginnt die Optimierung der „digitalen Lage“ mit der Suchmaschinenoptimierung auf Google & Co.: hier zeigte Haderlein eindrucksvoll, wieviel Potential allein bei dieser Maßnahme in Luxemburg noch schlummert. „Die eigentliche Herausforderung liegt aber in der Moderation des Veränderungsprozesses, im ständigen Austausch mit Projektpartnern und der Schaffung lokaler Interessensgemeinschaften“, betont der Impulsgeber der „Online City Wuppertal“. Andreas Haderlein wies darauf hin, dass wöchentliche Telefonkonferenzen nicht reichten, sondern eine ständige Kommunikation etwa über geschlossene Facebook-Gruppen nötig sei.

Einige Kommunen in Luxemburg haben zwar bereits Personen für sich identifiziert, die den Aufgabenbereich des Stadtmarketings betreuen, aber insgesamt steht das Land noch am Anfang hin zu einem lokal koordinierten Vorgehen. „Sie brauchen vor allem Veränderungsmanager“, macht Haderlein deutlich. Städte und Gemeinden benötigen Personal, das innovative Prozesse in Gang setzt und die zentrale Schnittstelle der Akteure vor Ort ist.

Wissen, Technik, Netzwerk und Sichtbarkeit sind die vier Pfeiler der Arbeit von Karin Engelhardt, Onlinemanagerin aus Coburg.

Auch Stadtverwaltungen in der Innovationspflicht

Genau diese Überlegungen bewegten die bayerische Stadt Coburg bereits 2001 dazu, Karin Engelhardt als deutschlandweit erste Onlinemanagerin im kommunalen Dienst einzustellen. Auf der Konferenz in Grevenmacher berichtete die gebürtige Österreicherin nicht nur von ihrer Pionierarbeit, sondern auch von aktuellen Projekten im digitalen Zusammenspiel von Stadt und Handel. „Stadt in digitaler Zeit. Fluch und Segen?“, so der Titel ihres Vortrags, dessen Antwort auf die provokante Frage zusammengefasst in etwa so lautet: Es ist ein Segen, wenn man als Stadt in der Lage ist, ein bedarfsorientiertes Konzept zu entwickeln, das die lokalen Besonderheiten berücksichtigt. Es wird zum Fluch, wenn man es nicht schafft, das rein technische Niveau zu überwinden und eine generell innovationsfreundliche Atmosphäre zu schaffen.

Um in diesem Sinne erfolgreiche Projekte zu entwickeln, stützen sich die Verantwortlichen in Coburg auf vier Pfeiler: Wissen, Technik, Netzwerk und Sichtbarkeit. So gibt es beispielsweise das Qualifizierungsprogramm „CO:Handel(n)“ für Händler, ein kommunales Wirtschaftsinformationssystem zur Verbesserung der Datenqualität, einen Händlerstammtisch sowie die lokale Onlineplattform „GoCoburg.de“, die als Coburgs digitales Schaufenster dient. Diese Erfolge fallen nicht vom Himmel, sondern bauen auf langer Sensibilisierung auf: „Das fängt bei der digitalen Reform der Stadtverwaltung an“, mahnt die Expertin. „Man darf nicht nur die Händler in der Innovationspflicht zu sehen.“ Im Kontakt mit dem Handel sei es ihr immer besonders wichtig, nicht belehrend aufzutreten, sondern den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. „Bei beratungsresistenten Händlern haben wir z.B. erfolgreiche Kollegen gefragt, ihren Mitstreitern zu erklären, wo die Vorteile des Zusammenspiels von Offline- und Onlinehandel liegen“, berichtet Karin Engelhardt von ihrer Vorgehensweise.

Dominique Moraux, Beraterin für digitalen Wandel aus Brüssel, weiß: “Erfolgreiche Projekte müssen nicht teuer sein”.

Das Beispiel Coburg macht Schule und hat auch überregional Erfolg: Im Rahmen des Modellprojektes der bayerischen Landesregierung „Digitale Einkaufsstadt Bayern“ wurde Coburg als eine von drei Kommunen ausgewählt und erhält eine zweijährige Förderung zur Umsetzung weiterer Innovationsprojekte.

Gemeinsame Strategie für Händler und Stadt

Auf einem Stadtrundgang stellte Bürgermeister Léon Gloden einige Stadtentwicklungsprojekte von Grevenmacher vor.

Auch in Frankreich und Belgien machen sich Kommunen Gedanken, wie sie den Herausforderungen in Zeiten der Digitalisierung begegnen können. Dominique Moraux, Beraterin aus Brüssel und für viele Kommunen in Fragen digitaler Transformation tätig, wies auf den teils alarmierenden Zustand des Einzelhandels vieler Städte und Gemeinden in Wallonien hin. Einzelhändler würde die Situation durchaus richtig wahrnehmen, aber oft aufgrund mangelnder Fachkenntnisse in Sachen Digitalisierung und genereller Unsicherheit falsche Entscheidungen treffen, insbesondere mit Blick auf das eigene digitale Verkaufskonzept. „Hier muss an einer gemeinsamen digitalen Strategie für die Händler und die Stadt gearbeitet werden“, so Dominique Moraux.

Sie zeigte Beispiele verschiedener Online-Strategien und erläuterte Erfolge wie auch Misserfolge der Initiativen. Wichtig: Erfolgreiche Projekte müssen nicht teuer sein, sollten sich aber an den tatsächlichen Bedürfnissen vor Ort orientieren. Es ist wichtig, auf die Akzeptanz sowohl der Händler wie auch der Bürger zu achten. Dazu gehört auch die technische Akzeptanz. „Letztlich steht und fällt es aber mit der persönlichen Motivation aller Beteiligten“, berichtete die Expertin.

Lokale Motivation kann viele spannende Projekte und Innovationen hervorbringen. Das zeigte nicht nur der Veranstaltungsort der Erfa-Tagung, der Kulturhuef mit dem bereits genannten integrierten Kino „Cinemaacher“, sondern auch der inzwischen schon traditionelle Stadtrundgang, bei dem Bürgermeister Léon Gloden den Teilnehmern aktuelle Stadtentwicklungsprojekte vorstellte. Dass die Veranstaltung im Gewölbekeller der frisch restaurierten und sehr eindrucksvollen Zéintscheier endete, bewies letztlich, dass auch die digitale Stadt nur so reich ist wie ihr gepflegtes kulturelles (Offline)Erbe.

(sr/Fotos: Studion Photography)