Die Umwälzungen im Einzelhandel beschäftigen nicht nur viele Einzelhändler, sondern auch vermehrt die Städte und Gemeinden. Kommunen und Handelsunternehmen stellen sich die Frage nach der zukünftigen Beziehung von (Innen-)Stadt und Einzelhandel. Das Institut pour la ville et le commerce in Paris suchte im Rahmen der Konferenz „L’urbanisme commercial en Europe. Territoires et acteurs du commerce en quête d’un nouveau dialogue“ nach Antworten. Es ging dabei aber nicht nur um planungsrechtliche Ansätze, sondern auch um innovative Ideen der sektorübergreifenden Zusammenarbeit.

v.l. Pascal MADRY, Direktor Institut pour la Ville et le Commerce; Fernand ERNSTER, clc-Präsident; Emmanuel LE ROCH, Délégué général Procos Eurelia; Dr. Sebastian REDDEKER, Chargé de Mission Villes & commerce bei der clc

Die clc stellte auf Einladung des Instituts den Fall Luxemburg in der französischen Hauptstadt vor. Neben dem Planungsrecht und der Handelsentwicklungspolitik des Großherzogtums interessierte die rund 80 Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft und Einzelhandel insbesondere die von der clc in Kooperation mit dem luxemburgischen Wirtschaftsministerium und der Handelskammer begründete Initiative Pakt PRO Commerce. Der hiesige Ansatz, Ministerium, Kommunen und Einzelhandelsakteuren zu verschiedenen Schwerpunktthemen in einen neuen Dialog rund um Stadt und Handel zu bringen, erhielt seitens der anwesenden Experten viel Lob.

Pakt PRO Commerce macht Schule

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der Einzelhandel verändere, hätten insbesondere Städte massive Probleme, sich an die neuen Herausforderungen anzupassen, so Thierry Fourez, Generaldirektor von Vastned, einem internationalen Handelsimmobilienentwickler. Regeln würden zu langsam angepasst, Genehmigungen zu schleppend erteilt. „Wir brauchen zur Rettung der Stadtzentren mehr Zusammenarbeit der beteiligten Akteure“. Hier sei die luxemburgische Initiative ein gutes Beispiel, so Fourez mit Blick auf den Pakt PRO Commerce.

Grundsätzlich sei bei großen Filialisten zu beobachten, dass vermehrt kleine Flächen gesucht würden. Mittels derer verfolgen die Unternehmen in ihrer Marketingstrategie eine bessere Verknüpfung von Online- und Offlinewelt. Im Geschäft suchen Kunden nach Inspiration und testen die angebotenen Produkte. Nespresso etwa setze daher weiterhin auf physische Filialen, mache aber bereits 70% des Gesamtumsatzes im Internet, so Thierry Fourez. Viele andere große Unternehmen haben seiner Meinung nach aber die digitale Kurve nicht früh genug genommen. Sie unterhalten ein extrem kostspieliges Filialnetz, ohne entsprechende Umsätze zu generieren.

Attraktivitätskrise überwinden

Chris Garner und Erin Brookes, Direktoren von Alvarez & Marsal, einem internationalen Beratungsunternehmen u.a. für große Sanierungsprojekte, wiesen darauf hin, dass die Verkaufsflächendichte in Westeuropa kurz vor dem Kollaps stehe. Gründe seien Veränderungen in Einkaufsverhalten und Lebensstil der Kunden, Onlinehandel und der enorme Flächenzuwachs der vergangenen 15 Jahre. Sie zeigten am Beispiel Großbritannien, dass diese Aussichten Investoren aber nicht daran hindern, bis 2022 knapp 90 neue Retailparks zu eröffnen. Dies müsse Hand in Hand mit der Ausarbeitung einer individuellen Vor-Ort-Lösung für Städte und Gemeinden gehen, die alle Stakeholder unter Leitung eines Citymanagers verbinde, das Angebot eher konzentriere als weiter fragmentiere und schließlich helfe, die allgemeine Attraktivitätskrise vieler Orte zu überwinden, so die Experten.

Handelsrealitäten sehen und verstehen

Auch Pierre Narring vom französischen Umweltministerium verwies auf die Bedeutung eines städtischen Kümmerers, der die anspruchsvolle Aufgabe erfüllen müsse, Städte (wieder) zu einem attraktiven Lebensort zu machen. Statt dabei in eine Diskussion der Opposition von Stadtzentrum und Peripherie zu verfallen, sei es sinnvoller, die Handelsrealitäten zu sehen und die Ansprüche der Markenunternehmen zu verstehen. So ließe sich dann auch ein Ortszentrum bedürfnisorientiert positionieren.

Im Rahmen der von der clc organisierten Erfahrungsaustauschgruppe „Stadtmarketing im Großherzogtum Luxemburg“ (Erfa), bei der Vertreter von 17 luxemburgischen Kommunen regelmäßig zusammenkommen, wird u.a. jener realistische Austausch der Akteure intensiv gefördert. Die Frage nach der zukünftigen Beziehung von (Innen-)Stadt und Einzelhandel steht hier regelmäßig im Fokus.